Geschichtliches

Geschichtliches über den Gerüstbauer


Ägypten / Antike

Die ältesten Kulturbauten dürften nach dem Darstellungen auf ägyptischen Reliefs Schilfrohr- und Mattenbauten gewesen sein. Zum Bau von Wohnhäusern wurden wahrscheinlich zunächst der Nilschlamm als Lehmpaste und später als luftgetrockneter Ziegel verwendet. Das hierfür Gerüste aus Holz eingesetzt wurden, ist sehr unwahrscheinlich. Holz war in Ägypten außerordentlich knapp. Es musste eigens eingeführt werden und war sehr teuer. Deshalb wurde dieses Material nur dort verwendet, wo es unbedingt notwendig war. Einsatzgebiete waren: Gerüste zur Bearbeitung von Steinen, zum Einrüsten von Statuten, für Verzierungsarbeiten in den Tempeln und für kleinere Hilfskonstruktionen mit geringen Materialaufwand. Der Gewölbebau und damit auch die Konstruktion von Lehrgerüsten dürften den ägyptischen Baumeistern seit der 1. Dynastie bekannt gewesen sein.
Bei den Befestigungsanlagen der Ägypter, die aufgrund der flachen Landschaft in besonders ausgeprägter Form entwickelt wurde, kamen Gerüstkonstruktionen zu Einsatz. Im Kriegsfalle wurden die Mauerzinnen mit Balkenverbänden ausgerüstet, auf die man hölzerne Türme und hervorstehende Gerüste anbrachte. Sie dienten den Verteidigern als Plattform. Auch die Holzarchitektur, die sich im Laufe der Geschichte kontinuierlich von eine Verbindung des Flechtwerkes hin zu einer Vermehrung des Stützwerkes bis hin zum Blockhaus entwickelte, bietet Aufschlussmöglichkeiten über die Fähigkeiten des altägyptischen Gerüstbaues.
Zur Bearbeitung von Kolossalstatuten wurden ebenfalls Holzgerüste verwendet. Wandbilder im Grab des Rechemire in Theben zeigen Holzstützen und Bretter, die miteinander durch Seile verbunden sind. Sie wurden auch für die Glättung und Dekoration von Mauern verwendet. Derartige Gerüste sind schnell auf-, ab- und umgebaut- wenn man so will, Vorläufer der Systemgerüste, bestehend aus wenigen Holzbauteilen und Knotenverbindungen aus Seilen. Ein Konstruktionsprinzip, das sich über die Jahrtausende erhalten hat und heute noch in Ägypten und auch in Europa zum Einsatz kommt.
Nach der Pyramidenerrichtung mussten die je ca. 20.000 Quadratmeter großen Seitenflächen von oben nach unten bearbeitet und geglättet werden. Vermutlich kamen hier die Ägypter ohne aufwendige Gerüstkonstruktion aus. Hierzu wurden wahrscheinlich in die Verkleinerungssteine senkrecht zu Oberfläche Löcher gebohrt. Die Tiefe dieser Löcher betrug ca. 5 cm und entsprach der Stärke der Überstände, die es zu glätten galt. In den Löchern trieb man kurze Rundhölzer und legte schmale Gerüstbohlen aus Holz darauf. So arbeitete man schrittweise von der Pyramidenspitze aus nach unten. Nach dem Fertigstellen einer Reihe zog man die Rundhölzer aus den Löchern, steckte sie in die nächsttiefere Reihe und verlagerte dann die Gerüstbohlen.

Mesopotamien

Es dürfte jedoch seit der Uruk-Periode (4000 v. Chr.) bis hin zu den Assyrern (750 - 626 v. Chr.) eine ähnliche Entwicklung in der Gerüstbautechnik stattgefunden haben wie bei den Ägyptern.
Stelen aus der Zeit Assyriens (etwa 750 bis 600 v. Chr.) zeigen Belagerungsszenen, Kampfwagen, Pflug und Transporte von schweren Steinfiguren, die auf eine relativ ausgereifte Holzverarbeitung und Gerüstbautechnik hinweisen. Vor allem die Juden scheinen nach den Angaben der Bibel viele und kunstvolle Holzbauten gefertigt zu haben.

Griechenland

Die Verwendung von Holz als Bauwerkstoff sowie der Einsatz von Holzbearbeitungswerkzeugen und Verbindungselementen im antiken Griechenland wurden durch archäologische Funde bestätigt. Holz wurde z.B. in verschiedenen Mischkonstruktionen mit Lehmziegelwänden als tragende Stütze verwendet. Weit häufiger wurden Holzteile auch als Längs- und Queranker in nicht ausreichend standfesten Materialien, wie z.B. in Bruchstein- oder Lehmpatzenmauern, verwendet. Holz wurde auch als wichtigstes Gerüstbaumaterial und für die Tragkonstruktion von Hebezeugen eingesetzt.

Rom

Die wesentliche Erneuerung hinsichtlich der Gerüstbautechnik bestanden bei den Römern wohl hauptsächlich im Ingenieurbau, in der Verbesserung des Baubetriebes durch Entwicklung neuer Hebetechniken und Hebemaschinen, in der kontinuierlichen Verbesserung der Werkzeuge und in der Weiterentwicklung der Tonnengewölbe. Hierbei wurde der Aufwand an Lehrgerüstkonstruktionen zunehmend reduziert. Auch in der Kaiserzeit entwickelten Gewölbe- und Kuppelformen, die von Vitruv noch nicht erwähnt wurden, zählen zu den herausragenden Konstruktionsleistungen. Sicher hat auch die Erfindung des Opus Caementicium, ein Gemisch aus Mörtel und Bruchstein, einen Einfluss auf die Baustelleneinrichtung und damit auch auf die Gerüstbautechnik ausgeübt.

Mittelalter

Die Bautätigkeit des Mittelalters beginnt mit der romanischen Architektur (8. bis 11Jh.n.Chr.) und reicht bis zur Spätgotik. Die großen Bauprojekte der Gotik im 12. - 13. Jh. und insbesondere der Bau gewaltiger Kathedralen begünstigte die Entwicklung von Lastkränen und die Gerüstbautechnik. Hervorzuheben sind der Galgenkran und der Säulenkran, der einen T-förmigen Ausleger besaß. Daneben kamen auch Haspel und Tretrad sowie Hebegeschirre, den Geräten der Antike sehr ähnlich, zum Einsatz. Auslegegerüst des Mittelalters bestanden aus Kanthölzern, die durch von unten gegen die Mauer abgestützt und während des Baufortgangs eingemauert wurden. Daneben wurden auch Stangengerüste eingesetzt. Sie bestanden aus einer Reihe von Rüststangen, die durch Seilverbindungen mit den Querhölzern verschnürt waren. Diesen Gerüstbauweise, die uns schon bei den alten Ägyptern begegnet ist, hat sich bis in die Mitte unseres Jahrhunderts erhalten und ist auch heute noch in den ländlichen Gegenden zu sehen.

Renaissance

Im Zeitalter der Renaissance wurden eine Fülle neuer Hebemaschinen und damit einhergehende Gerüstkonstruktionen hohen Schwierigkeitsgrades entwickelt. Auch dem Bau von Belagerungsmaschinen und allgemein verwendbaren Maschinen wie Mühlen oder der archimedischen Schraube wurde verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet. Leonardo da Vinci, der zahlreiche Gerüstkonstruktionen für die unterschiedlichsten Zwecke entwarf, und Galilei setzten sich erstmalig mit Problemen der Biegung auseinander. Als besonderes interessantes Beispiel für diese Epoche gilt die Gerüstkonstruktion des Domenico Fontana im Jahre 1585 bis 1586, die dem Transport über eine Distanz von 250 m langen Obelisken auf dem Piazza die San Pietro in Rom diente.

Industrielle Revolution

Navier leitete Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich den eigentlichen Beginn der Bautechnik - so wie wir sie heute kennen - ein. Die ersten Fachwerkkonstruktionen aus Eisen wurden erstellt. Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es Culmann in Europa fachwerkartige Tragwerke aus Holz und auch aus Eisen zu Berechnen. Mit der Theoretisierung der Fachwerke und mit dem verstärkten Einsatz metallischer Werkstoffe setzte im Zeitalter der industriellen Revolution auch ein verstärkter Einfluss auf die konstruktive Ausbildung von Fachwerksystemen und damit auch auf die Entwicklung von Stahlrohr- Kupplungsgerüsten ein. Gelenkige Knotenausbildung, bei der sich die Stabachse auch möglichst nahe dem Knotenpunkt treffen, und die Idealisierung des Kräftedreiecks als konstruktives Grundprinzip kennzeichnen die Konstruktionen dieser Zeit.
In diese Zeit fällt auch die Entwicklung des Leitergerüstes. In des USA wurden statt des Leitergerüstes zerlegbare Gerüstkonstruktionen aus Stahlrohr entwickelt. Ihre Entwicklung verlief ähnlich rasant wie der Hochbau in den USA. Sie mussten immer höher statischer und auch wirtschaftlichen Anforderungen genügen und bestanden in erster Linie aus angeflanschten Rohrstielen mit vorgefertigten, angeschraubten Verstrebungen. Das heutige Stahlrohr-Kupplungsgerüst wurde ebenfalls in dieser Zeit entwickelt. Es konnte sich aufgrund des einheitlichen Rohrdurchmessers und seiner relativen einfachen Verbindungstechnik schnell durchsetzen.

Neuzeit

Anfang der Dreißiger Jahre wurden in Europa die ersten Stahlrohr-Kupplungsgerüste erfolgreich eingesetzt. Länder mit eigener Stahlrohrproduktion wie Italien, Frankreich und Deutschland setzten diese Entwicklung bis zum 2. Weltkrieg fort. Aufgrund rüstungsbedingter Rohstoffverknappung ging dann der Einsatz des Stahlrohr-Kupplungsgerüstes merklich zurück.
Im Jahr 1952 kam in Deutschland das erste Systemgerüst auf den Markt und leitete eine neue Entwicklung im Gerüstbau ein, die im Jahr 1990 zu einer eigenständigen Behandlung der Systemgerüste innerhalb der Gerüstnormung führen sollte.